Fachwerk zum Verlieben, Geschichte zum Staunen und mittendrin plötzlich ganz viel Gegenwart. Quedlinburg hat uns mit seiner märchenhaften Altstadt komplett geflasht – und uns gleichzeitig ihre politische Seite gezeigt. Ein Besuch zwischen Historie und einer Jetztzeit AfD-Veranstaltung, die uns sehr nachdenklich gemacht hat.
Quedlinburg, eine Stadt mit großer Geschichte
Dieses UNESCO-Welterbe ist eine Ansammlung von mehr als 2.000 Fachwerkhäusern aus rund acht Jahrhunderten – und eines schöner als das andere. Man betritt die Altstadt und kommt aus dem Staunen kaum noch heraus.
Top saniert, restauriert, gepflegt und trotzdem voller Geschichte. Verwinkelte Gassen, schiefe Häuser, wunderschöne Türen, kleine Plätze und immer wieder neue Details.
Quedlinburg ist eine einzige große Puppenhaus-Stadt. Nur dass man nicht davorsteht, sondern mittendrin.
Über 120 Fotos haben wir gemacht. Und ehrlich gesagt hätten locker noch 100 weitere dazukommen können. Kaum war ein Motiv fotografiert, kam schon das nächste um die Ecke. 😉
Quedlinburg wurde bereits im 10. Jahrhundert zu einem wichtigen politischen und religiösen Zentrum. Besonders eng ist die Stadt mit den Ottonen verbunden. König Heinrich I., der erste deutsche König aus dem sächsischen Geschlecht der Liudolfinger, starb 936 in Memleben und wurde in Quedlinburg beigesetzt. Seine Witwe Königin Mathilde gründete hier das Damenstift, das über Jahrhunderte eine zentrale Bedeutung für die Stadt hatte.
Der Schlossberg mit der Stiftskirche St. Servatius erinnert noch heute an diese Zeit. Hier oben wurde Geschichte geschrieben – und unten in der Stadt entwickelte sich über die Jahrhunderte eine wohlhabende Handels- und Bürgerstadt.
Der Reichtum vergangener Zeiten steckt bis heute in den Häusern. Und genau das macht Quedlinburg so besonders: Geschichte ist hier nicht nur im Museum zu sehen. Sie steht einfach überall herum.
Und zur Adventszeit wohl noch schöner …
Wir haben gehört, dass Quedlinburg im Advent noch einmal eine ganz andere Nummer sein soll. Ein Weihnachtsmarkt verteilt sich über die Altstadt, bei „Advent in den Höfen“ öffnen 24 historische Innenhöfe ihre Tore und die Fachwerkstadt verwandelt sich in ein Weihnachtsmärchen.
Quedlinburg – Fachwerk, Wow und mittendrin die AfD
Eigentlich wollten wir Quedlinburg zunächst aus politischen Gründen meiden. In Sachsen-Anhalt ist die politische Stimmung – aus bekannten Gründen – derzeit besonders angespannt. Am 23. August 2026 waren wir dann plötzlich mittendrin:
Wir gerieten in eine AfD-Wahlkampf-Veranstaltung mit Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidaten der AfD für die Landtagswahl. Dazu eine große Simson-Ausfahrt, viele Menschen, Fahnen und eine Stimmung, die einem Volksfest mit Popstar-Kult gleicht. Es lebe die Ostalgie: Simson-Mopeds, Trabis, Bier + Polster (Würstchen), Hüpfburg, Musikbühne, Entertainment und eine sehr lange Schlange von Menschen, die das gekaufte T-Shirt/Poster/Plaket/Pappherz mit Bild vom Spitzenkandidat sich signieren lassen oder gar ein Selfie mit ihm machen lassen.
Ulrich Siegmund wurde von seinen Anhängern gefeiert wie ein großer Star. Personenkult inklusive.
Politische Aussagen gab es wenige, primär ein „Altparteien-Bashing“ kombiniert mit „Corona-Verfehlungen“. Inhalte waren nicht gefragt. Sie alle waren sich einig, dass „Uli“ der nächste Ministerpräsident sein wird. Das wurde schon mal ausgiebig gefeiert und bejubelt.
Es ist richtig, dass es zum Glück noch viele Quedlinburger gibt, die nicht AfD-nah sind. Die Stadt war voll mit Wahlplakaten von vielen demokratischen Parteien. Erstaunlich fand ich, dass wenig AfD-Werbung im Stadtbild zu sehen war – aber das braucht es wohl auch nicht. Denn mindesten 40% sind sich ja wohl schon sicher – so die Prognose. Denn „schlau wählt blau“ oder „Alles ist möglich“.
Wir haben uns bewusst sehr nah herangetraut, beobachtet, zugehört und versucht, ein Gefühl dafür zu bekommen, was Menschen an dieser Partei und insbesondere an diesem Spitzenkandidaten fasziniert.
Eine Side-Erfahrung: auf der Festwiese (Veranstaltungsort) stand ein großes, schickes Wohnmobil (Liner) dekoriert mit vielen AfD-Fähnchen, Flaggen und was man halt so braucht. Und nein, das war nicht das Begleitfahrzeug für die Wahlkämpfer. Es waren „Fans“ aus Baden-Württemberg, die von der Seitenlinie „dem Uli“ mit Begeisterung zujubelten. Das macht mich sehr nachdenklich.
Was nehmen wir mit: Staunen, Verwunderung, Unverständnis, Kopfschütteln verknüpft mit der Sorge wohin sich das alles noch entwickeln wird. Und dem Gedanken und was kann jeder einzelne demokratische Denkende tun.
